Bei der Spezies der Gummibärchen (Ursus cummus parvus) stehen die meisten Wissenschaften vor ungelösten Rätseln: Wie kann eine derart homogene Gelatinemasse so lebendig sein? Wie kommt es, daß nur fünf Farben in den einschlägigen Gummibärchenpopulationen vorkommen, ohne daß sich Mischfarben ergeben?
Viele dieser und ähnlicher Fragen sind nicht beantwortbar, weil fast nichts über die Herkunft der Bärchen bekannt ist. Aufgrund der Konsistenz der Bärchen haben sich keine Fossilien erhalten. Es ist daher nicht klar, unter welchen Bedingungen die Bärchen in grauer Vorzeit lebten. Auch läßt sich nicht zurückverfolgen, welche Vorfahren die Bärchen haben. Einige Biologen zweifeln sogar an der Zugehörigkeit der Gummibärchen zur Familie der Ursidae (Bären), da sie mit ihnen eigentlich nur die äußere Form verbindet. Eine häufig in diesem Zusammenhang geäußerte Alternativhypothese ist die der gemeinsamen Vorfahren von Bärchen und Menschen (homo sapiens sapiens), da sich hier gewisse Parallelen bezüglich des Kopfinhaltes aufweisen lassen.
Aus evolutionsbiologischer Sicht stellen sich aber noch eine ganze Reihe weitere Fragen, die aufgrund der fehlenden paläontologischen Funde nicht beantworten lassen: So läßt sich bis heute nicht erklären, wie ein derart passives Verhalten - häufig auch als elastisch-rückfederndes Verhalten bezeichnet - zu Überlebensvorteilen geführt haben kann. Auch ist immernoch strittig, ob die durchaus kräftigen Farben der Bärchen nur reine Nebenprodukte der Evolution sind oder zur essentiellen Ausstattung gehören, die jedem Bärchen zum Überleben von der Evolution mit auf den Weg gegeben worden sind. Ebenfalls ist die Funktion der vier Gelatinefortsätze, die jedes Bärchen auf der Vorderseite aufweist und von vielen Forschern als Extremitäten bezeichnet werden, noch gänzlich unklar.
Wo also viele herkömmliche Untersuchungsansätze ins Leere laufen, hat die Evolutionspsychologie des Bärchens (auch kurz Bärolutionspsychologie genannt) so einiges zu bieten. Sicher stellt das doch recht passive Verhalten (s.o.) der Bärchen eine gewisse Hürde dar, andererseits treten auch keine Probleme mit wirren, teilweise sinnlosen Aktionen und Reaktionen auf, die aus der Humanpsychologie ja wohlbekannt sind.
Besonders deutlich sind diese Probleme in der neueren psychologischen Forschung bei Krüger und Hofmann (1996).
Die hier gefundenen Daten lassen sich nur sehr schwer interpretieren. So kann es sich bei den durchgehend gefundenen Null-Häufigkeiten um Bodeneffekte handeln, die durch der vielzitierte Passivität der Gummibärchen zustande gekommen sind. Andererseits können diese Ergebnisse ein Hinweis darauf sein, daß die Tüte gar nicht die natürliche Behausung des Gummibärens darstellt. In einer Replikation der Experimente von Krüger und Hofmann (1996) hat das recht aufwendige Vermessen der Ausgangspositionen der Gummibärchen Ergebnisse zu Tage gefördert, die diese Hypothese bekräftigen: Schon nach wenigen Stunden hatten sich die Positionen der einzelnen Bärchen deutlich verändert - und zwar in entgegengesetzter Richtung zur Tüte! Die Interpretation liegt auf der Hand: Die Bärchen sind vor der Tüte geflohen. Die Implikationen die dieses Ergebnis für den kommerziellen Absatz der Bärchen in Tüten hat, sind klar und auch die schon in den siebziger Jahren oft in politisch linken Kreisen geäußerte Vermutung, HARIBO zwinge die Bärchen in die Tüten, wird dadurch wieder zu einem brisanten Thema.
Die von Gerdes (1996) beschriebenen Beobachungen erweisen sich unter diesen neuen Ergebnisse möglicherweise als Artefakte der Tütenhaltung und sollten daher einer weiteren Prüfung unterzogen werden.
Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe aus Biologen, Ethnologen und Evolutionspsychologen konnte zudem nach langer Suche eine der wohl letzten freilebenden Gummibärchenpopulationenen auf dem südlichen Ende der Insel Nonnenwerth finden. Zwar ist noch ungeklärt, wann sich dieser Arm der phylogenetischen Entwicklung der Bärchen von den uns den Tüten bekannten in der Zivilisation vorkommenden Bärchen abgespalten hat (Es ist höchstwahrscheinlich, daß es sich hierbei um eine endemische Population handelt.), die Bedeutung dieser Entdeckung für die laufende Forschung ist jedoch immens. Erste Analysen der eher blassen Farben dieser Ursi cummi nonnenwerthensis deuten auf eine gewisse Ähnlichkeit mit den Kieseln vor Ort auf. Es scheint sich also um eine Art der Tarnung zu handeln - aber kann es sich auch bei den Bärchen aus der Tüte um Tarnfarben handeln? Ein wahrnehmungspsychologisches Experiment sollte hier Aufklärung bieten. Unterschiedlich eingefärbte Gummibärchenattrappen wurden in Gruppen von 30Bärchen in Wohnzimmern, Büros und Küchen verteilt und fotografiert. Anschließend wurden diese Fotos kurzzeitig diversen Menschen (denn dies ist ja der natürliche Feind des Gummibärchens) dargeboten. Erstaunlicherweise wurden gerade die Gruppen von Bärchenattrappen am seltensten wahrgenommen, die in den Farben den Bärchen aus der Tüte nachempfunden waren. In unserer von Industriefarben geprägten Umwelt scheinen gerade amorphe Gruppen verschiedenfarbiger leicht durchsichtiger Objekte besonders schwer auszumachen zu sein. Diese Adaptationsleistung ist um so eindrücklicher, da es ja gerade der soziale Verband ist, der diese Tarnung ermöglicht.
Die von Kavsek (1996) geäußterten Vermutungen, die Farben der Bärchen seien ein evolutionärer Fehler erweisen sich aufgrund dieser neuen Ergebnisse als haltlos. Hingegen erhält die Hypothese der Farben als Kommunikations- und Ausdruckverhalten der Bärchen (Jusko, 1996) unter dem Gesichtspunkt der Tarnung neue und wichtige Aspekte hinzu: Die Hypothese macht nur Sinn, wenn stets ein recht ausgewogenes Farbverhältnis in einer Population erhalten bleibt. Sollte sich also die Hypothese der Farben als Kommunikations- und Ausdruckverhalten der Bärchen als richtig erweisen, steht die Evolutionspsychologie des Bärchens gleich vor der nächsten Frage: Wie funktioniert die emotionale und damit auch farbliche Abstimmung in der Gummibärchenpopulation?