Der wehrdienstleistende Gummibären betreuende Musterungs- bzw. Truppenarzt wird in der Praxis immer wieder mit Besonderheiten dieser Patientengruppe konfrontiert, die besondere Erfahrung und Wissen erfordern. Abgesehen von allgemeinmilitärischen Aspekten wie Probleme der Tarnung (Gummibären sind häufig leuchtfarben!), die hier jedoch beiseite gelassen werden sollen, tauchen immer wieder spezifische medizinische Probleme auf, die hier näher betrachtet werden sollen.
ASPEKTE BEI MUSTERUNG UND VERWENDUNGSFÄHIGKEIT
Schon bei der Musterung ergibt sich das Problem der Wehrdienstfähigkeit. Da Gummibären in aller Regel unter 150 cm Körpergröße messen, stellt sich zunächst die Frage, ob sie überhaupt wehrdienstfähig sind. Nach ausführlichen Diskussionen in der Fachwelt kann man jedoch davon ausgehen, daß, da die geringe Körpergröße physiologisch ist und keinerlei Einschränkung für das Gummibärchen an sich bedeutet, eine generelle Wehrdienstunfähigkeit nicht gegeben ist. Gleiches gilt selbstverständlich auch für das geringe Körpergewicht.
Allerdings stellt sich das Problem der Verwendungsausschlüsse aufgrund dieser Besonderheiten. So ist ein Gummibärchen generell als nicht tauglich für den Dienst im Wachbataillon anzusehen. Auch vom Pionierdienst ist ein Gummibärchen auszuschließen. Was die Verwendungsfähigkeit im Sanitäts- oder Musikdienst betrifft, so muß berücksichtigt werden, daß ein genereller Ausschluß hier nicht notwendig ist. Zwar kann ein Gummibärchen aufgrund seiner fehlenden Wirbelsäule zwar im Patiententransport nicht eingesetzt werden, eignet sich aber hervorragend zur Patientenbetreuung, insbesondere diabetischer Patienten, die zu Hypoglykämien neigen. Insbesondere unter diesem Aspekt ist auch eine Verwendung im Schockraum eines Truppenverbandplatzes akzeptabel.
Aufgrund ihrer Konsistenz sind Gummibären jedoch besonders prädestiniert für die Verwendung in der ABC-Abwehr. Insbesondere auch unter psychologischen Gesichtspunkten dürfte dieser Arbeitsbereich das non-plus-ultra bei der Einplanung und Verwendung wehrdienstleistender Gummibären darstellen. Die unmittelbare Näche von ABC-Schutzmasken, die ebenfalls aus Gummi sind, stärkt das Kameradschaftsgefühl und sorgt für eine ausgeglichene Psyche, sowie eine im Vergleich zum durchschnittlichen Wehrdienstleistenden deutlich höhere Motivation.
Einschränkend muß allerdings strikt darauf geachtet werden, daß Sicherheitsmaßnahmen bei der Dekontamination von Gummibären unerläßlich sind, da bereits Fälle von Aufquellen, Farbverblassung, bis hin zum Geschmacksverlust beschrieben wurden, die nach einschlägigen Forschungen auf die Wasseranwendung im Rahmen der Dekontaminationsmaßnahmen zurückzuführen sind.
Trotz oder gerade aufgrund der fehlenden Wirbelsäule (was aber analog zur geringen Größe als physiologisch zu werten ist und von daher keinen generellen Ausschluß vom Wehrdienst darstellt) zeigen sich Gummibären auch für den Fallschirmsprungdienst als hervorragend geeignet. Allerdings neigen sie beim Aufschlagen aus größerer Höhe zum sog. "bouncing", einem mehrfachen wieder-hinaufschnellen. Da das bouncing im allgemeinen von einschlägigen Geräuschen ("pdoiiing...pdoiiiing...") begleitet wird, sowie eine Gefährdung von nachfolgenden Kameraden gegeben ist, sollte aus allgemeinmilitärischen und Gründen der Sicherheit von einer diesbezüglichen Verwendung abgesehen werden.
Ausgenommen hiervon wäre allerdings die Verwendung als Einzelkämpfer, wobei allerdings die mangelhafte Tarnung beim Absetzvorgang aufgrund des Bouncings zu berücksichtigen wäre.
TRUPPENÄRZTLICHE BETREUUNG VON GUMMIBÄRCHEN
Obwohl Gummibärchen eine außerordentlich robuste Gesundheit besitzen und auch neurochirurgische Eingriffe problemlos durch den einschlägig erfahrenen Truppenarzt vorgenommen werden können (vgl. Klaus-Martin Klein: "Neurochirurgische Eingriffe am Gummibärchen"), kommt es in der Praxis immer wieder zu Gummibärchen-spezifischen Erkrankungen, auf die der Truppenarzt schnell und sachgerecht reagieren muß.
Insbesondere bei kalter Witterung kann es schnell zur Verhärtung des Gummibären kommen, die bei unsachgemäßer Behandlung (Biegen!) zu dauerhaften Schäden (Einrisse der Cutis bis hin zur Komplettfraktur des Patienten bei extrem kalter Witterung) führen kann. Analog zur Behandlung der Unterkühlung beim Humanpatienten ist in diesen Fällen ein vorsichtiges Verbringen des Gummibärchens in eine geschützte Umgebung, sowie ein langsames Aufwärmen desselben Therapie der Wahl. Abstand genommen werden sollte allerdings vom Einflößen heißer, gezuckerter Getränke, was einerseits zu Verformungen, Geschmacks- und Farbverlust, andererseits auch zum hyperglykämischen Koma führen kann.
Sowohl Erkältungserkrankungen, als auch Sportverletzungen treten beim Gummibären in der Truppe in der Praxis so gut wie nie auf. Wesentlich bedenklicher ist ein Phänomen, das als "Übungsplatz-Schwindsucht" bezeichnet wird. Insbesondere bei Aufenthalten auf Übungsplätzen kommt es immer wieder zum Verschwinden ganzer Gummibären-Züge. Ein Zusammenhang mit den erhöhten Zuckerwerten der sich gleichzeitig auf den Übungsplätzen aufhaltenden humanen Kameraden wird noch diskutiert. Der Autor weist in diesem Zusammenhang darauf hin, daß Fälle von Übungsplatz-Schwindsucht meldepflichtig sind. Zwar liegt noch kein Hinweis darauf vor, daß die Erkrankung infektiös sein könnte, aufgrund der immer wieder auftretenden Endemien ist aber besondere Vorsicht geboten. Gemäß Anweisung BMVg sind alle Gummibären nach möglichkeit von Übungsplatzaufenthalten zu befreien, solange diese nicht unbeding notwendig (Vorbereitung auf Auslandseinsätze) sind.
ZUSAMMENFASSUNG
Insgesamt kann man sagen, daß Gummibärchen mit einigen generellen Einschränkungen durchaus als wehrdienstfähig einzustufen sind. Die truppenärztliche Betreuung stellt sich unkompliziert dar, wobei allerdings einige wenige Besonderheiten zu beachten sind.
Der Autor:
Norbert Neumann, geboren 1968, wohnhaft in Bayern, Studium der Humanmedizin in Köln und Erlangen, zur Zeit tätig als Truppenarzt in einer Ausbildungseinheit der Bundewehr.