Zur Tiefenpsychologie des Gummibären


Elfi Stirner

Es ist noch nicht erwiesen, ob die gummöse Spezies aus der Familie der Ursidae in einem sehr frühen Stadium beginnender Inkarnation und Individuation vorsätzlich steckenblieb, oder ob ihre Abkömmlinge als komplett inkarnierte Hominiden auf der Höhe ihrer psycho-intellektuellen Entwicklung ihre Fleischlichkeit als unzulänglich erkannten und unter Beibehaltung ihres Geistesvermögens eine Metamorphose durch Dekarnation und Ingummation über sich ergehen ließen.
Möglich ist auch, daß sie Mutanten einer Gattung der Hominiden sind, die in einer früheren promiskuösen Entwicklungsphase ihre Artgenossen überlebten, welche durch die Gummen des Tertiärstadiums einer Syphilis-Epidemie hinweggerafft wurden.
Ob es sich hier um eine Art mutativer homo novus oder um ein parthenogenetisch entstandenes hybrides artificial life handelt, sei dahingestellt. Mögen sich die Evolutionisten über ihre Genese den Kopf zerbrechen.
Fest steht, daß die anthropomorphe Sicht auf sie gerechtfertigt ist, da sie -zum aufrechten Gang befähigt - den menschlichen ähnliche Fußspuren hinterlassen und da der homo sapiens zudem seit geraumer Zeit durch ihre Anthropomorphisierung ein zunehmend inniges psychogen-libidinöses Verhältnis zu ihnen entwickelt hat (s. die von Zuneigung durchhauchten Beiträge der anderen Autoren).

Vielleicht kann ein Psychogramm dieses Objektes menschlicher Begierde zu seiner Entmystifizierung beitragen und so den ihm Verfallenen eine, wenn auch nur temporäre, Linderung durch einen milden Ernüchterungsschock bescheren.
Schon dem alten Patriarchen und Hedonisten Siegbär Freudlos (die bestimmende Größe der Tiefenpsychologie) stachen die neurotischen Symptome dieser Spezies ins Auge: Ihn brachte die Unverblümtheit auf, mit der eine gesamte Population von mit Geist ausgestatteten Wesen bewußt und entschlossen regredierte, ohne auch nur einer einzigen Assoziation zu bedürfen. Seine psychokathartische Behandlungsmethode wurde überflüssig angesichts dieses dreisten Entschlusses, den Individuationsprozeß zu stoppen, bevor die Verdrängungsmechanismen wirksam werden. So blieb ihm nichts, als ihnen psychosexuellen Infantilismus vorzuwerfen, der sich in dem Verharren in den prägenitalen Organisationsstufen - der oralen, analen und phallischen -äußere und in der fehlenden Unterwerfung der libidinösen Triebregungen unter den Genitalprimat (die Weigerung des Jungen, seinen sadistisch-analen Trieb in der Funktion "das Sexualobjekt nur [sic!] soweit zu bewältigen, als es die Ausführung des Geschlechtsaktes erfordert" zu kanalisieren und die noch entschiedenere Weigerung des Mädchens, die Vagina als einzige, von der "Kloake abgeleitete" erogene Zone und die endgültige Genitalorganisation ihrer Weiblichkeit als "Koitiertwerden und Gebären" zu betrachten; vgl. Humbärto Nagera, 1989).
Zudem fiel ihm das Verharren im frühen Libidozustand des Autoerotismus und des primären Narzismus auf, die die "disponierenden Fixpunkte" der Schizophrenie resp. der Paranoia seien. Dem primären Narzismus gehe die Libidobesetzung der Objekte ab und er sei oft die Ursache einer Dementia praecox.
Entscheidend sei allerdings des Bären Prägung durch einen erogenen od. primären Masochismus, eine Schmerzlust, eine Legierung aus Todestrieb (Nirwanaprinzip) und Eros. Nach außen gewendet werde der Masochismus zum Sadismus, der sich in der oralen Phase als Wunsch äußere, das Totemtier - den Vater - zu fressen, in der analen als Wunsch den Vater zu schlagen und in der phallischen als Wunsch den Vater zu kastrieren. Ursadismus sei nichts anderes als der Todestrieb und folglich mit dem primären Masochismus identisch.
Was Freudlos aus der Fassung brachte, ist die Tatsache, daß Gummibären phänotypisch geschlechtliche Neutra sind und genotypisch echte Hermaphroditen, so daß die "Ich-hab-was-was-Du-nicht-hast" und "Was-Ich-hab-könnte-mir-abgeschnitten-werden"-Traumata in diesen Fällen nicht ohne weiteres greifen. Daher konzentrierte er sich auf die gesamt-phallische Erscheinung und auf die damit verbundene phallische Selbst-Konzeption dieser Spezies und konnte - um Begriffe nicht verlegen- die von ihm benannten Ängste und Prinzipien leicht in neue Varianten fassen:
aus Kastrationsangst wurde eine Inkorporations-Angstneurose, aus dem Ödipus-Komplex wurde der Kau-Mich-Plus-Komplex (genauer: der Mama-Kau-Mich-Plus-Papa-Komplex), der, wie er zugeben mußte, verheerendere Folgen hat, als der Ödipus-Komplex in seiner originären Form. Jeder Kauer, auch der männliche, wird vom Gummibären als Mama gesehen, wobei der Bär sich selbst als phallisch und somit Papa-ähnlich konzipiert, nach dem Motto: "Die Mama schlingt, der Papa springt". Organische und psychische Bisexualität waren Freudlos zwar nicht fremd, aber er fühlte sich doch überfordert, angesichts der fehlenden äußeren Geschlechtsunterschiede seine Konzepte Penisneid und männlichen Protest (d.h. der Protest des Mannes gegen seine femininen Züge, etwa Erregbarkeit der Brustwarzen) zu erklären. Und wie sollte er den zur Entwicklung des normalen Weibs so wichtigen pubertären Untergang der männlichen Genitalzone, der Klitorisregion, erklären, angesichts des aufdringlichen äußeren Nichts?

Sein Kollege Carl Lustab Jungbär hatte damit nicht so gravierende Probleme, da es ihm aufs Äußere nicht so vorrangig ankam. Für ihn war jeder Bär von Geburt an ein psychischer Hermaphrodit, mit den gleichen männlichen und weiblichen Anteilen. Jungbärs Erfindungsreichtum ging weit über die Schlagworte Animus und Anima hinaus und er zeigte sich weniger verklemmt gegenüber dieser Art von Hybridisierung. Das einflußreichste System der Psyche ist bei Jungbär nicht das verdrängte, sondern das kollektive Unbewußte, die phylogenetische Grundmasse der Bären (vielleicht dachte er hier auch an das Platonische Vorbewußte). Die Bewußtmachung seines Inhaltes, der Archetypen (Animus, Anima, Persona, Schatten etc.), ist sein erklärtes Behandlungsziel. Was bei Freudlos behandlungsbedürftig scheint, die bisexuelle Megalomanie der Bären, scheint bei Jungbär das erstrebte Ziel zu sein, symbolisiert durch den Archetyp Mandala, die Vereinigung von Kreis und Quadrat, von Weiblich und Männlich. Was das verdrängte Unbewußte anbelangt, bekennt er sich offenherzig zu dem gummanen Motto: "Was auch immer in der ersten Lebenshälfte verdrängt wurde, es wird in der zweiten mit Leidenschaft und Outing-Drang hervorgeholt".

Eine wahrhaft revolutionäre Entdeckung machte die, im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen, den handfesten Erfahrungen verbundene Psychoanalytikerin und Mutter Melanie Pein. Während Freudlos im erwachsenen Bären das kleine ödipale Bärenschwein entdeckte, spürte sie im kleinen Bärenschwein das Kleinst-Bären-Ferkel auf. Die Angst vorm Verschlungen-Werden beruhe im Wesentlichen auf der Vorstellung einer oral und anal attackierenden Mutter, und sei die Grundlage für das stark ausgeprägte Über-Ich der Bärchen. Diese Angst sei die Folge von Haßgefühlen sowie von oralen und analen Neidgefühlen gegenüber der Mutter, die durch Abstillen und Sauberkeitserziehung hervorgerufen werden. Das um die Milch und die Fäzes beraubte Bärenkind will in seiner überquellenden Wut die Mutter verschlingen, beißen, aufschlitzen und ausrauben. Diese Wut schlägt um in panische Furcht, von der Mutter in gleicher Weise attackiert, zerbissen und verschluckt zu werden. M. Peins Quelle der Genese von Kunst mutet sympathischer an als die von Freudlos: Während letzterer sich auf Trieb-Sublimierung versteifte, sieht sie als Quelle die mütterlich-restaurative Funktion des Füllens einer leeren Stelle, den Wunsch, Beziehungen zu anderen Bären, insbesondere zum Mutter-Bären, wiederherzustellen.

Aus heutiger Sicht kann ein, wie bei den Gummibären beobachtetes, fortschreitendes Bekenntnis zur polymorph-perversen Sinnlichkeit nur freudig begrüßt werden, da sie einen nicht unerheblichen Beitrag zur universell-kulturellen psycho-somatischen Genesung beisteuert.


Elfi Stirner, 22.1.97;
letztes Update: 18.10.99 by HG