Krafttraining für Gummibärchen?

- Eine Pilotstudie -

1. Einleitung und Problemstellung

In der modernen Gesellschaft spielt die motorische Fitneß eine immer größere Rolle. Sowohl in der Berufswelt als auch in der Freizeit nimmt die körperliche Verfassung einer Person einen hohen Rang ein. So ist festzustellen, daß Fitneß- und Gesundheitsangebote auch für Gummibären einen deutlichen Zulauf in den letzten Jahren aufweisen (vergl. Foto 1).

Foto 1: Aerobicstunde im Gummibärchenverein


Mit einer gesteigerten Fitneß wird eine erhöhte Widerstandsfähigkeit gegen alltägliche Belastungen verbunden, aber auch die Chance auf ein längeres, gesundes Leben. Neben der motorischen Fähigkeit Ausdauer spielt für die Ausprägung der Fitneß insbesondere die Fähigkeit Kraft eine entscheidende Rolle. Bei Gummibärchen ist z.B. eine ausgeprägt Stützkraft der Rückenmuskulatur notwendig, um den aufrechten Gang zu ermöglichen. Wie wir aus anderen Experimenten wissen, neigen Gummibären leicht zum gebückten Gang und verlieren dadurch auch häufig das Gleichgewicht. Es kommt daher des öfteren zu Stürzen (vergl. auch Foto 1, vorderer oranger Bär).

Studien zum Krafttraining bei menschlichen Untersuchungsgruppen zeigen, daß mit bestimmten Trainingsmethoden erhebliche Fortschritte in der Kraftentwicklung und ein deutlich verbesserter Fitneßgrad erreicht werden können. In der Gummibärchenforschung muß man allerdings feststellen, daß zu dieser Thematik bisher keine einzige Arbeit vorliegt. So ist es durchaus fraglich, ob die gleichen Effekte zu beobachten sind und ein primitiver Erkenntnistransfer aus Untersuchungen am homo sapiens überhaupt legitim ist. Aus diesem Grund haben wir die folgende Studie durchgeführt.


2. Design der Untersuchung

20 Gummibärchen nahmen als Versuchspersonen an einem vierwöchigen Krafttrainingsprogramm teil. 10 Gummibärchen bildeten die Versuchsgruppe, 10 die Kontrollgruppe. Die Versuchsgruppe führte über 6 Wochen ein Krafttraining nach der Methode der wiederholten submaximalen Kontraktionen durch. Trainingsübung war das Bankdrücken (Hochstemmen einer Hantel in Rückenlage; vergl. Foto 2a, b). 

Foto 2a: Bankdrücken in Rückenlage, Versuchsaufbau
Foto 2b: Gummibärchen unter der Hantel (VP durch die Hantelstange verdeckt!)


Nach ersten Vorversuchen wurde schnell deutlich, daß für dieses Experiment eine Anpassung der Versuchsanordnung an die anatomischen Bedingungen der Gummibärchen notwendig war. Das Ergebnis dieser Anpassungen ist in Foto 3 dargestellt.

Foto 3: Modifizierter Versuchsaufbau


Alle Versuchspersonen der Versuchsgruppe unterzogen sich zu Beginn einem Maximaltest. Dieser diente dazu, das maximal mögliche Gewicht, das die Person drücken konnte, zu ermitteln (EWM = Einerwiederholungsmaximum). Anhand der Ergebnisse erfolgte eine Parallelisierung der Gruppen, um ein gleiches Ausgangsniveau sicherzustellen.

Außerdem wurde von jeder Versuchsperson eine Computertomographie des M. pectoralis major angefertigt. Die Schnittaufnahme erfolgte an der dicksten Stelle des Brustmuskels (vergl. Foto 4).

Foto 4: Computertomographie einer Versuchsperson; sichtbar ist der rechte Teil der Brust und der rechte Arm.


Das Training wurde dann mit 70% dieser Maximallast absolviert. Die Versuchspersonen führten pro Trainingseinheit 15 Wiederholungen in 4 Serien durch. Zwischen den Trainingsphasen pausierten die Teilnehmer mindestens 2 Tage.


3. Hypothesen

Aus der Theorie des Krafttrainings ist ableitbar, daß bei der Versuchsgruppe ein signifikanter Zuwachs des Muskelquerschnitts gegenüber einer Kontrollgruppe, die nicht trainiert, zu erwarten ist. Dieser Zuwachs des Muskelpotentials sollte weiterhin durch koordinative Verbesserungen begleitet sein, die eine Verbesserung der Maximalkraft hervorrufen. Der Zuwachs des Muskelquerschnitts soll durch die schon oben erwähnten Computertomographien des M. pectoralis major operationalisiert werden (vergl. Foto 5: anatomische Lage des M. pectoralis major). Verbesserungen der Maximalkraft müßten sich in einem verbesserten EWM zeigen.

Foto 5: Lage des M. pectoralis major beim Gummibärchen


Zusammenfassend ergeben sich die beiden folgenden statistischen Hypothesen:
H1: Die Versuchsgruppe wird nach Beendigung des Trainings einen signifikanten Zuwachs des Muskelquerschnitts gegenüber der Kontrollgruppe aufweisen (Interaktion Gruppe x Block).
H2: Die EWM der Versuchsgruppe werden nach Beendigung des Trainings signifikant höher sein als die EWM der Versuchsgruppe.


4. Ergebnisse

Das EWM der Versuchsgruppe lag im Mittel bei 0 Gramm. Das gleiche Ergebnis ließ sich in der Kontrollgruppe finden. Die Gruppen unterscheiden sich daher zu Beginn der Untersuchung nicht signifikant (p=0,05) und starten somit von einem gleichen Ausgangsniveau.

Die Auswertung der Muskelquerschnitte des M. pectoralis major führte ebenfalls zu einem sehr überraschendem Ergebnis. Auch hier war eine sehr große Übereinstimmung festzuhalten. Beide Gruppen weisen einen Mittelwert von 0,5 mm² auf. Die Standardabweichung betrug 0,0000001 mm² (=0), was auf starke Ähnlichkeiten in der Morphologie der Gummibärchen hindeutet. 

Probleme ergaben sich in der Versuchsgruppe in der Durchführung des Trainings. Trotz verstärkter Motivation durch den Versuchsleiter ("Entweder Du drückst jetzt oder ich eß Dich auf!" oder "Willst Du wirklich wieder zurück in die Tüte?") ließ sich die angestrebte Versuchszahl von 15 nicht halten. Im Mittel konnten nur 0 Wiederholungen in 4 Serien pro Trainingseinheit erzielt werden. Selbst der Einsatz von weiblichen Gummibärchen als Beobachterin des Trainings der männlichen Gummibären führte im Gegensatz zu Studien beim homo sapiens zu keinen befriedigenden Ergebnissen. Das durchgeführte Training läßt sich daher eher als ein Training nach der Methode der maximalen statischen Kontraktionen bezeichnen. Aus diesem Grund sind natürlich auch andere Trainingseffekte zu erwarten.

Das mittlere EWM der Versuchgruppe nach Trainingsende ergab einen Mittelwert von 0 Gramm (x=0,0g; s=0,0 g) und zeigt damit keine wesentlichen Veränderungen gegenüber dem Vortest. Das gleiche trifft auf die Kontrollgruppe zu, die sich in diesem Fall erwartungskonform verhält. Ein signifikant höheres EWM der Versuchsgruppe gegenüber der Kontrollgruppe läßt sich im T-Test demnach nicht feststellen. Die Hypothese H2 kann damit als falsifiziert gelten.

Bei den Muskelquerschnitten ergibt sich ein etwas anderes Bild. Durch die morphologischen Veränderungen eines Teilnehmers der Versuchsgruppe wurde der Mittelwert dieser Gruppe ganz erheblich verändert (vergl. Foto 6).

Foto 6: Morphologische Veränderungen einer VP der Versuchsgruppe (vor und nach der Trainingsphase)


Der Mittelwert der Versuchsgruppe beträgt daher 0,7 mm² während der der Kontrollgruppe mit 0,5 mm² unverändert ist.

Muskelquerschnitte [mm²] 

VP-Nr.  VG vorher  KG vorher  VG nachher KG nachher 
1 0,5 0,5 0,5 0,5
2 0,5 0,5 0,5 0,5
3 0,5 0,5 0,5 0,5
4 0,5 0,5 0,5 0,5
5 0,5 0,5 0,5 0,5
6 0,5 0,5 0,5 0,5
7 0,5 0,5 2,5 0,5
8 0,5 0,5 0,5 0,5
9 0,5 0,5 0,5 0,5
10 0,5 0,5 0,5 0,5
Mittelwert 0,5 0,5 0,7 0,5
Standardabweichung 0,00 0,00 0,63 0,00

Trotz dieser Veränderungen ergeben sich keine signifikanten Veränderungen der Muskelquerschnitte gegenüber der Kontrollgruppe. Die einfaktorielle Varianzanalyse mit Meßwiederholung ergibt keine signifikante Interaktion zwischen der Gruppe und dem Block. Damit ist auch Hypothese 1 falsifiziert.


5. Diskussion der Ergebnisse

Das durchgeführte Krafttraining konnte zu keiner signifikanten Steigerung des EWM der Versuchsgruppe gegenüber der Kontrollgruppe führen. Trotz der hohen statischen Belastung, der die Versuchsgruppenteilnehmer während des Trainings ausgesetzt waren, ergaben sich keine bedeutenden Trainingseffekte. Dieser Befund deutet darauf hin, daß eine naive Übertagung der Untersuchungsergebnisse am homo sapiens nicht möglich ist. Gummibären reagieren auf maximale statische Trainingsbelastungen nicht und erreichen dadurch auch keine signifikante Verbesserung ihres Fitneßzustandes. Es ist daher dringend notwendig, eine Trainingstheorie des Gummibären zu entwickeln und die offensichtlich unterschiedlichen Gesetzmäßigkeiten durch weitere Forschungen zu validieren.

Lediglich eine Versuchsperson der Versuchsgruppe konnte eine deutliche Vergrößerung des Muskelsquerschnittes des M. pectoralis major erreichen. Da es sich hier um einen Ausreißer zu handeln scheint, sollte nach den Ursachen geforscht werden. Vermutungen einzelner Teilnehmer, daß es sich hier um einen medikamentösen Mißbrauch (Doping mit anabolen Steroiden) handeln könnte, sollte mittels einer Urinprobe nachgegangen werden. Da diese aber von der Versuchsperson stoisch und mit großer Ruhe verweigert wurde (vergl. auch Rühe 1988; Funke 1995) konnte nur noch die geschmackliche Überprüfung durch eine unabhängige Verkostung durch den Versuchsleiter ein Ergebnis liefern. Doch auch diese ergab keine evidenten Hinweise auf ein Dopingvergehen. Die Lösung dieses Problems muß daher leider im Dunkeln bleiben.

Abschließend muß festgestellt werden, daß sich auch die Lebenserwartung der Gummibärchen durch das durchgeführte Krafttraining nicht steigern ließ. Nach Beendigung der Untersuchung mußte leider ein bisher unerklärlicher Schwund in den Probandengruppen festgestellt werden (vergl. dazu auch Schüttauf 1997; Spontanschwund oder auch annihilatio ultima). Eine zu diesem Zeitpunkt geplante Folgestudie mit veränderten Trainingsbedingungen mit den gleichen Versuchspersonen muß daher gezwungenermaßen auf eine neue Probandengruppe zurückgreifen...

Dieses Experiment kann nur als ein erster Schritt zu einer umfassenden Trainingstheorie des Gummibärchens betrachtet werden. Weitere motorische Fähigkeiten wie Ausdauer, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Koordinationsfähigkeit müssen untersucht werden. Und auch im Bereich des motorischen Lernens und des Techniktrainings liegen weite Forschungsfelder für die Zukunft!


Literatur

Funke, J. (1995). Komplexes Problemlösen bei Gummibären. Bonn: Holos. 

Rühe, V. (1988). Autorität und Gehorsam beim Gummibärchen: Enttäuschende Ergebnisse bei der psychologischen Eignungs- und Verwendungsprüfung. Berichte der Bundeswehrhochschule München, 3, 20-23.< /p>

Schüttauf, K. (1997). Spontanschwund bei Gummibären? Österreichische Zeitschrift für Ökologie, Onkologie und Ontologie, 23, 34-44. 


Autor: Dr. Martin Hillebrecht, Zentrale Einrichtung Hochschulsport, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Die vorliegende Arbeit soll zu späterer Zeit als Dissertation zur Erlangung des Grades eines Dr. gum. bär. eingereicht werden...