(Univ. Klinik für Psychiatrie, Allgemeines Krankenhaus Wien)
1. Einleitung
2. Theoretische Überlegungen
3. Methode
4. Ergebnisse
5. Diskussion
6. Literatur
In allerletzter Zeit haben sich die Forschungen im Bereich des Gummibärenverhaltens vervielfacht. Bezüglich der Beziehungsfertigkeiten - insbesondere bei intimen Beziehungen wie Freundschaft und Partnerschaft - sind die Ergebnisse vergleichsweise aber noch sehr spärlich. So ist noch nicht einmal vollständig geklärt, inwieweit man bei Gummibärenfreundschaften / -partnerschaften überhaupt von intimen Beziehungen sprechen kann. Die Intimität in der Beziehung, die sich u.a. in der Tiefe bzw. Intensität der Beziehung ausdrückt, in Nähe und Distanz der Partner zueinander, ist schon aus methodischen Gründen ein äußerst schwer zugängliches und daher kaum "forschbares" Gebiet.
Gerade bei Gummibären ist es besonders schwierig, an innere Vorgänge heranzukommen, weil die Art und Weise, wie sie kommunizieren, und wie sie das, was sie empfinden, ausdrücken, nur ansatzweise erforscht ist.
Es gibt aber Hinweise, die jedoch noch nicht eindeutig belegt sind, daß die Färbung ihrer Körper über einige Parameter ihres Empfindens Aufschluß geben. So konnte beobachtet werden, daß sich gelbe Gummibären im Zustand erhöhter Erregung rot färben; wenn sie sich einsam fühlen, aber auch bei zu wenig Platz im Raum, färben sie sich grün, vermutlich weil sie sich unwohl fühlen. Ebenso dürften aufrechte und gebückte Körperhaltungen - ähnlich wie beim Menschen - als Symbole ihrer hierarchischen Position innerhalb ihrer "Hackordnung" gedeutet werden. (Vergl. O. Jusko, 1996).
Bei Trennungen zweier Partner wird nach Jusko (1996) häufig ein Geräusch hörbar, das ähnlich dem Geräusch, wenn man Klebeband von einer Tischplatte ablöst, sein soll, und von Jusko als "Gummibärsignal" interpretiert wird. Meiner Ansicht jedoch ist dieses Geräusch als ein Ergebnis des physikalischen Trennens - sozusagen als ein "physikalischer Laut" zu interpretieren, (so wie wenn ein Mensch die Treppe hinunterpoltert, und es dann kracht), und nicht als ein "Gummibärsignal", das wäre, wenn der Gummibär schreit, beispielsweise, weil er traurig oder ärgerlich ist aufgrund der Trennung.
Höppner (1997) kam, indem er die Versuchsanordnung diffiziler gestaltete, zu dem Ergebnis, daß Gummibären - abhängig von ihrer Färbung - sogar miteinander sprachlich kommunizieren, zwar nicht akustisch, jedoch (man höre und staune) schriftlich. Leider hat Höppner nicht klar dargestellt, in welcher Sprache sie dies machen, und wie sie beim Schreiben vorgehen. (Schreiben sie mit ihren Händen, ihren Füßen oder ????) Da Gummibären schon aufgrund ihrer anatomischen und physiologischen Voraussetzungen sich - zumindest im Vergleich zu Menschen -vermutlich schwerer tun, wäre eine genauere Darstellung dessen sehr aufschlußreich. (Es ist zu hoffen, daß uns Höppner keinen "Bären aufgebunden hat!").
Aufgrund dieser methodischen Einschränkungen und der geringen Anhaltspunkte bezüglich des Empfindens und Kommunizierens bei Gummibären, können Untersuchungen zu Nähe und Distanz zwischen Gummibären zur Zeit nur im Sinne physikalischer Nähe und Distanz, nicht aber emotionaler Nähe und Distanz durchgeführt werden.
Unsere Vorgehensweise sah so aus, daß wir die Bärchen einzeln aus der Tüte nahmen, - die "zusammengeklebten" (d.h. "eng aneinandergekuschelten") trennten wir voneinander, - und danach in einer Entfernung von mindestens zwei Metern (alle 3 Dimensionen betreffend) in unserem großräumigen Forschungslabor verteilten. Insgesamt handelte es sich um 50 Bärchen (10 gelbe, 10 rote, 10 weiße, 10 orangene, 10 grüne), die wir nach speziell ausgeklügelter Anordnung positionierten. Diese Anordnung sah vor, daß jeder Bärenfarbtyp gleich oft Bärennachbarn mit spezieller Farbe hatte, in dem Sinne, daß jeder Bärenfarbtyp gleich oft in Kombination mit anderen Bärenfarbtypen auftrat.
Es sollte geprüft werden, inwiefern bzw. wie sich die Trennung der Gummibären, d.h. die erhöhte Distanz der Bärchen zueinander, auf verschiedene physiologische und emotionale Parameter auswirkt. Die spezielle Auftretenswahrscheinlichkeit der einzelnen Bärenfarbtyp-Kombinationen sollte uns einen Einblick liefern in etwaige Zusammenhänge zwischen Bärenfarbtyp-Kombinationen und spezifischen Verhaltensmustern bzw. physiologischen Parametern.
Unsere ersten Ergebnisse waren denen von Krüger und Hoffmann (1996) als auch den ersten Beobachtungen von Höppner (1997) ähnlich. So konnten wir selbst bei den Gummibären, die über längere Zeit auf engstem Raum nebeneinandergelegen waren, keine Auswirkungen zu vorher feststellen, wenn sie über mehrere Tage räumlich weit voneinander getrennt waren. Sie wurden weder grün, was man nach den Beobachtungen von Jusko (1996) vermuten würde, der gemeint hat, daß dies ein Zeichen ihrer Einsamkeit sei, noch jammerten sie - (sie gaben auch keinen Laut von sich, als wir die "Aneinandergeklebten" physisch voneinander trennten). Sie wurden weder dünner noch dicker, auch ihre Konzentrationsfähigkeit ließ nicht nach. Hautwiderstand, Herzrate, Puls, Schweiß- und Speichelfluß blieben gleich, ja die Bärchen bewegten sich nicht einmal, beispielsweise um den verlorenen "Partner" zu suchen. Auch als wir die Rahmenbedingungen unseres Experimentes veränderten, indem wir wie Höppner (1997) mit "Hallodri" oder "Tandarei" unser Labor verließen, und die Bärchen sich unbeobachtet fühlen konnten, zeigten sich keine Auswirkungen der veränderten Raumlage der Bären zueinander auf dieselbigen.
Das heißt sowohl in physiologischer als auch in psychologischer Hinsicht ließen sich keine Veränderungen bei den Bärchen beobachten.
Ein Zufall jedoch - wie uns die Geschichte lehrt, ist dies eine fast notwendige Voraussetzung für sensationelle Entdeckungen - brachte uns wissenschaftlich um Lichtjahre weiter.
Eines Tages, - die Untersuchungen dauerten schon einige Wochen an - es war mitten im Winter, fiel bei einer Kälte von -18 Grad Außentemperatur das Heizungssystem unserer Forschungsstation aus. Unser gesamter Mitarbeiterstab hatte aufgrund der unmenschlichen Temperaturen, solange die Reparaturen andauerten - (und das waren fast zwei Monate), "Kälteferien". Zurückgekommen schauten wir, wie es den Bärchen ergangen ist. Aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung (vgl. Dirr & Graf, 1996) war anzunehmen, daß sie die niedrigen Temperaturen gut überstehen konnten. Zudem hätte es sein können, daß sie sich, um sich zu wärmen aufeinander zubewegt und vielleicht sogar aneinander gekuschelt haben.
Zu unserem Entsetzen stellten wir jedoch fest, daß die Bärchen auch in der Zwischenzeit ihre Position nicht verändert hatten, sondern an ihrem Platz verharrend steinhart, spröde, und geschmacklos geworden sind. Ihr Hautwiderstand hatte sich verfünffacht, ihre körperliche Anspannung war enorm, zudem hatten sich ihre körperliche Elastizität, ihre Herzrate sowie ihr Körpergewicht (vor allem der Wassergehalt) dramatisch reduziert. Wir hatten deshalb schon Angst, daß unsere Bärchen - entsprechend den Ergebnissen von Gerdes (1996), die gefunden hat, daß 1 Gummibärchen allein aus Einsamkeit schnell eingeht, - unser Experiment nicht überleben könnten.
Durch adäquate Wärme- und Wasserbehandlungen ("Temperaturadaptierung" und "Inhydrosierung") konnten die Bärchen aber wieder in einen stabilen Gesundheitszustand gebracht werden. Schlußendlich gaben wir sie wieder in die Tüte zurück.
Doch dies war nicht der Abschluß unseres Experiments. Nein! Wir hätten es nie für möglich gehalten, aber es passierte tatsächlich! Zurückgekommen in ihre Bärchen-Behausung fingen sie an, sich aufeinander zuzubewegen, sie kuschelten sich eng aneinander, schmußten inniglich und liebten sich gierig und wild (gepaart oder in Gruppen/bevorzugterweise zu dritt). Dabei begannen sie zuerst leise, dann aber immer lauter zu zischen, abwechselnd hohe und tiefe Töne. Nach eingehenden Analysen - wir haben alles auf Video und Tonband aufgenommen - konnten wir die tiefen Töne als bitterliches Weinen interpretieren, - wahrscheinlich war dies ein Zeichen der Wiedersehensfreude, - und die hohen Töne als Gejohle erkennen - was ziemlich sicher ein Ausdruck der körperlichen Freuden war. [In diesem Zusammenhang ist zu betonen, daß unsere Ergebnisse den Spekulationen von Lloyd (1996) widersprechen, der meinte, daß Gummibärchen sich nur aus Gründen der Fortpflanzung paaren. Die Befunde entsprechen aber den Annahmen von Dickmann (1996), der den "Lust-Gewinn" von Gummibärchen postuliert.].
Ein Zusammenhang der Reaktionen mit speziellen Bärenfarbtyp-Kombinationen zeigte sich nicht.
Nach langen Überlegungen und dem Bemühen sämtliche Störvariablen in diesem "unvorhergesehenen Experiment" der monatelangen Trennung von "Tüten/Engraum-Gummibären" zu berücksichtigen, sind wir zu dem Schluß gekommen, daß für diese ersten Ergebnisse folgende Ursachen verantwortlich sein können:
Unsere Interpretationen nehmen darauf Bezug, daß sich die Bärchen als erste Reaktion auf die Trennung - (d.h. die Veränderung von physischer Nähe bzw. räumlicher Distanz zueinander) - und die ungewohnte Umgebung in einem schockähnlichen Zustand befanden, der sich darin äußert, daß es ihnen nicht mehr möglich ist, ihren Gefühlen auch nur im geringsten Ausdruck zu verleihen und selbst körperliche Funktionen, die üblicherweise auftreten, sich nicht zeigen. Die Auswirkungen der Trennung bzw. des Verlustes der "Partner" können demnach als "postsegregate Schocksymptome" bezeichnet werden. Und halten die für die Bärchen extrem ungünstigen Umstände (unseren Gummibären waren durch äußere Umstände fast folterartige Verhältnisse zuteil geworden, die wir aus ethischen Gründen - siehe ethische Prinzipien beim Forschen an Lebewesen (Adorno, 1997) - wenn es uns möglich gewesen wäre und wir die Auswirkungen auf die Bären frühzeitig erkannt hätten, sofort abgestellt hätten) an, verfallen sie in einen körperlichen und seelischen Zustand, der einer "katatonen" Symptomatik ähnlich ist. [Die "Katatonie" ist eine mögliche Begleiterscheinung der schweren Geisteskrankheit "Schizophrenie", die bei Menschen durch psychomotorische Störungen, (die zwischen extremer Erregung und Stupor alternieren können), Haltungsstereotypien und verbale Perseverationen gekennzeichnet ist (ICD-10, 1996).]
Sobald die Bärchen aber wieder in ihrer gewohnten Umgebung sind (Tütenumgebung, soziales Bärennetzwerk) gewinnen sie ihre üblicherweise vorhandenen sozialen Kompetenzen und Kommunikationsfähigkeiten zurück.
Bestätigen weitere Untersuchungsergebnisse unsere Interpretationen kann auf eine gewisse Ähnlichkeit von Gummibären und Menschen bezüglich ihres Sozialverhaltens und der Reaktionen auf traumatische Erlebnisse geschlossen werden. [Interessant wäre in diesem Zusammenhang, ob Untersuchungen der genetischen Codes von Gummibären und hominiden Wesen einen Aufschluß geben über eine mögliche Verwandtschaft zwischen ihnen.]
Adorno, T. (1997). Mörder im weißen Kittel. Kritische Anmerkungen zur Gummibärforschung. Frankfurt: Suhrkamp.
Dickmann, D. (1996). Bärchen-Lust. Singener Schriften zur Sexualwissenschaft, 11 (4), 43-49.
Dirr, D & Graf, R. (1996). Beschleunigung weichelastischer Projektile. Berichte aus dem Institut für Luft- und Raumfahrttechnik der Universität München, 13, 45-67.
Döring, N. (1997). Die sexuellen Phantasien der Gummibärchen. Bonn: Holos.
Gerdes, H. (1996). Einfluß der Tütenzugehörigkeit auf das Sozialverhalten der Gummibärchen. Bonn: Holos.
Höppner, W. (1997) Und sie kommunizieren doch: Sprachliche Varietäten bei Gummibären. Bonn: Holos.
Multiaxiales Klassifikationsschema für psychische Störungen nach ICD-10 der WHO (19963). Remschmidt H. & Schmidt M.H. (Hrsg.). Bern, Göttingen u.a.: Verlag Hans Huber.
Jusko, O. (1996). Kommunikation und Ausdrucksverhalten bei Gummibären. Bonn: Holos.
Lloyd, T. (1996). Populationsentwicklung und Vermehrungsbiologie bei Gummibären. Bonn: Holos.
erstellt: 21.1.99 by MH, letzte Änderung: 2.2.99 by MH