Das Gummibärchen in der Musik

Von Vita Funke, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Es ist ein weit verbreitetes Vorurteil, daß der Beitrag, den Gummibärchen in der Musikgeschichte geleistet haben und leisten, verschwindend klein sei. In weiten Teilen der Bevölkerung herrscht noch heute die Auffassung vor, Gummibärchen seien insgesamt unmusikalisch und nicht einmal zu einer kritischen Rezeption einfachster Kompositionen in der Lage, ihre diesbezüglichen Ambitionen beschränkten sich allenfalls auf die Erzeugung indifferenter Geräusche wie z.B. das gemeinschaftliche Tütenrascheln (im Kino), zarte Schmatzgeräusche oder auch das charakteristische Ploppen, das bei der Trennung zweier aneinander klebender Gummibärchen entsteht.

Dem ist nicht so.

Richtig ist zwar zweifellos, daß die Forschung derzeit keinerlei Anhaltspunkte für die Präsenz der Gummibärchen in der Tradition unserer sog. E-Musik findet. Es ist kein Gummibärchen bekannt, das sich im Bereich der Komposition oder Interpretation bisher einen überregionalen Namen gemacht hätte. Aus dieser Tatsache läßt sich jedoch keinesfalls eine mangelnde Sensitivität oder ein schlichtes Desinteresse der Gummibärchen an diesem Kulturzweig ablesen. Wer jemals aufmerksam einem Symphoniekonzert, einer Opernpremiere oder einer sängerischen Darbietung beigewohnt hat, wird festgestellt haben, daß die Brüstungen der Ränge vielfach dicht mit Gummibärchen aller Altersstufen besetzt sind, die, mit Operngläsern, Pfefferminzrollen und Programmheften ausgestattet, mit tiefer Ergriffenheit dem Vortrag lauschen und sich beim Schlußapplaus meist geschlossen zu standing ovations erheben. Wer sich ihren Gruppen in der Pause nähert, wird mit großer Achtung ihre fachkundigen und kritischen Kommentare zur Kenntnis nehmen, die ein deutlicher Beweis ihre musikalische Bildung und Sachkenntnis sind. Es ist wenig bekannt, daß die Ghostwriter so mancher angesehener Musikkritiker von Haus aus Gummibärchen sind.

Bisher hat die Forschung keine Erklärung dafür, warum Gummibärchen sich besonders zu allgemein eher als schwierig zugänglich geltender Musik (Schönberg, Wagner, Tschaikowsky, Julio Iglesias...) hingezogen fühlen, während sie seltener in Aufführungen der Wiener Klassik sowie auch in Vorträgen geistlicher Musik (hier bilden einzig die afroamerikanischen Gospels eine Ausnahme) zu finden sind. Ein Erklärungsansatz wäre das insgesamt eher schwerblütige Temperament, das wir bei Gummibärchen durchgehend feststellen können und das bekanntlich auch bei ihren großen Philosophien (s. das berühmte Theorem Fung Gum oder auch das Grundlagenwerk Die Einsamkeit der bunten Bären) in eindrücklicher Weise problematisiert wird.

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Aufregende Mitteilung von Gabriele Helbig: Auszüge aus den Tagbüchern Beethovens, die Gummibären in der Musikgeschichte betreffend.