Inkazeitliche Mumienbestattungen von Elasto-ursinae in Samaaipata/Santa Cruz/Bolivien

Vorbericht von Hans J. Bott (1)



Im Jahre 2001 wurde in der inkazeitlichen Fundstelle Samaaipata bei Santa Cruz, Bolivien, während einer außerplanmäßigen Notgrabung im Sektor IV/113-A des Nordabschnitts unterhalb eines Felsüberhangs eine dort nicht vermutete Mumiengrabstätte entdeckt.

Fundlage: Am nördlichen Rand des genannten Sektors in einem Höhenbereich zwischen 2980 und 3010 Metern ü. N.N., am Ende einer spätinkazeitlichen Apsis
Finder: Berichterstatter
Fundverbleib: Museo Nacional in La Paz, präkolumbische Antikenabteilung

Bei der Klärung des bisher nicht dokumentierten Verlaufs einer spätinkazeitlichen Apsis unterhalb des von Miller und Prem in den Jahren 1978-1984 ausgegrabenen Mauerbefundes wurde eine Sammelbestattung von insgesamt 143 Miniaturmumien entdeckt, die sich in einem 1,9 Meter langen und 110 cm hohen, rechtwinklig in den Felsen gehauenen Seitengang befanden. Der Eingang zu diesem Gang war in Trockenbauweise verschlossen und hat so die Mumienbettungen hervorragend erhalten.

Die 143 Mumien waren zwischen 3 cm und 7 cm groß. Die Einwicklung bestand aus Vicuña- oder Llamawoll-Gewebe in Leinwandbindung, FM 80/110.

Wegen der ungewöhnlich geringen Größe der Mumien wurde noch am Fundort beschlossen, die Mumien nach erfolgter Einzeldokumentation auszuwickeln. Zuerst wurden die zum Vorschein kommenden Corpusse für mumifizierte Pongidenföten gehalten. Diese Annahme wurde jedoch nach kurzer Zeit revidiert. Allein anhand morphologischer Kriterien wurde klar, dass es sich um bestattete Exemplare der Klasse Elasto-ursina handeln musste, also um Gummibären.
Ebenso deutlich war anhand der Formen zu erkennen, dass es sich ausschließlich um weibliche Individuen handelte. Die starke Ausprägung der mammae an ausnahmslos allen Elasto-ursinen ließ keine andere Einschätzung zu.

Es stellte sich die Frage: Gummibären im präkolumbischen Amerika? Zur korrekten Beantwortung dieser Frage ist zuerst eine genaue Bestimmung der Funde erforderlich. Es liegt nahe, die Einteilung von Leuchtenstern aus dem Jahre 1997 zu verwenden:

"...Die Lebewesen, die heute näher besprochen werden sollen, gehören zur Abteilung Elastozoa, zu deutsch ,Gummitiere'. Daraus ist der Stamm Inflatilia bereits weitgehend wissenschaftlich abgesichert, ... (entfällt) ... Von größerer Bedeutung ist jedoch die zum selben Stamm Gummopoda gehörende Klasse Elasto-ursina (,Gummibären'). Die Zuordnung ist von der Wissenschaft bereits weitgehend anerkannt..." (2)

Ordnung Eu-ursina (Echte Gummibären)
- Elasto-ursus rubens (Rötliches Gummibärchen)
- Achromo-ursus elasticus (Weißes Gummibärchen)
- Elastoflavus elastoflavus (Gelbes Gummibärchen) und
- Virido-ursus turquoides (Blaugrünes Gummibärchen) (3)

Aufgrund augenscheinlicher Übereinstimmung der Morphologie der andinen Elasto-Ursinen mit altweltlichen Formen liegt die Vermutung nahe, dass die amerikanischen Funde derselben Ordnung angehören wie die rezenten europäischen Varianten.

Die vorläufige - unter Ausgrabungsbedingungen erfolgte - Untersuchung der Inhaltsstoffe - selbstverständlich kalibriert durch die enorme Dehydrierung der Funde - weist einen ähnlich hohen Gehalt an Gelatine auf wie rezente europäische Elasto-Ursinen.

Die Untersuchung der Farbstoff ergab auf den ersten Blick nicht völlig einleuchtende Ergebnisse. So konnte bei Elasto-ursus rubens (27,5% der gefundenen Fälle) derselbe Cochenille-Farbstoff festgestellt werden wie in den Formen besonders der Bonner Provenienz.
Achromo-ursus (19,5% der Funde) war erwartungsgemäß frei von Farbstoffbeimengungen, der in auffällig wenigen Exemplaren (2%!) repräsentierte Elastoflavus elastoflavus war nicht mit dem synthetischen Riboflavin gefärbt, sondern mit dem Wurzelsaft der Hamamelis virginiana, einer schon seit der frühen Chavin-Epoche im andinen Raum weitverbreiteten Medizinalpflanze, die auch verschiedene kultbezogene Anwendungen erfuhr.
Virido-ursus turquoides (51 % der Funde) ist ausschließlich mit dem blauen Farbstoff des echten Indigo gefärbt. Da in Altamerika aber bisher keine einzige Pflanze nachgewiesen ist, die mit Indigofera pseudotinctoria (asiatischer Indigo) oder Isatis tinctoria (Färberwaid) verwandt wäre, muss es sich wohl um Anwendungen von Scabiosa succisa oder Sophora tinctoria handeln. Näheres wird eine genaue Laboruntersuchung im Massenspektometer erbringen.

Die Verwendung von Cochenille erstaunt nur auf den ersten Blick. Cochenille als Farbstoff aus der Echten Cochenille-Laus Coccus cactii gewonnen ist eine originär präkolumbische amerikogene Substanz, die erst von den Conquistadoren in den altweltlichen Farbenkanon eingeführt wurde.

Das die Mumien umgebende Bindenmaterial konnte noch nicht näher untersucht werden. Ein erster Augenschein lässt jedoch vermuten, dass die dabei verwendeten Farbstoffe mit denen der Ursinen-Mumien korrespondieren. Auch hier darf man auf weiter führende labortechnische Untersuchungen sehr gespannt sein.

Neben diesen archäologischen Untersuchungen sind besonders die ethnologischen Feldforschungsergebnisse von V. Keck und J. Wassmann zu erwähnen. Die dort beschriebenen Entdeckungen von Elasto-Ursinae weisen - soweit ein solcher Vergleich anhand der wenigen bisher publizierten Photographien möglich und vertretbar ist - erstaunliche Übereinstimmungen mit den andinen Formen auf. Die Frage, ob ein ozeanisch-amerikanischer Formenkreis der Elasto-Ursina jemals existiert hat oder ob es sich um post-koloniale Phänomene handeln könnte, wird sehr interessanter Forschungsgegenstand der unmittelbaren Zukunft sein.



Fußnoten:

1 Hans J. Bott leitet die Fa. EIBHLIN GmbH, Archäologische Ausgrabungen und Museumstechnik, Kevelaer/Niederrhein
2 Heiko Leuchtenstern, Neuere Forschungen zur Klasse Elasto-Ursina (Gummibären), Nürnberg, o.J.
3 Leuchtenstern, a.a.O.


Autorenkontakt:

Hans J. Bott
EIBHLIN.GmbH
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als HTML-Dokument erstellt nach der Textvorlage des Autors 18.11.2002 von HG,