Obwohl die Gummibärchen-Forschung in den letzten Jahren eine Fülle empirischer und theoretischer Beiträge hervorgebracht hat (zum Überblick s. Musch, 1997 ; Traxler, 1992), blieben Fragen nach der Sexualität der Gummibärchen bislang weitgehend unbeantwortet. Ja, oftmals wurden sie nicht einmal gestellt, hielt man Bärchen doch lange Zeit für "sexuelle Neutra". Daß Gummibärchen "sich paaren" gilt als gesichert; daß sie dies - wie biologistisch ausgerichtete Autoren (z.B. Lloyd, 1996 ) nahelegen - primär oder ausschließlich zum Zweck der "Fortpflanzung" tun, ist jedoch Spekulation (Dickmann, 1996a, 1996b, 1996c, 1996d, 1996e, 1996f).
Ein Blick in die Geschichte der Gummidichtung ( Bröder, 1997 ) - insbesondere die literarischen Werke des 20. Jahrhunderts - genügt, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß Sexualität in der psychischen Organisation des Gummibärchens offensichtlich keinen unwichtigen Platz einnimmt. Erinnert sei nur an Romane wie "Der Liebhabär" (Duras, 1986) und "Eine Liebhabärin" (Zeemann, 1989) sowie die umstrittene "Geschichte der G" (Réage, 1994). Obwohl der erotischen Bärchenbelletristik von namhaften Literaturkritikern bescheinigt wird, ohne weiteres sogar beim Menschen "Bärgehren zu wecken" (Weich-Wanitzki, 1994), kann man ihr weder Sentimentalität noch Schönfärbärei vorwerfen. Welche seelischen Abgründe sich vor dem unglücklich verliebten, sexuell ausgenutzten, womöglich gar geschwängerten Gummibärchen auftun, läßt sich kaum ermessen - "Der Tod des Gummiprinzen" (Merian, 1980) bleibt eines der eindrucksvollsten und erschütternsten Dokumente bäriger Verstrickung in das Sexuelle.
Ob einschlägige Bärchenromane tatsächlich das sexuelle Erleben und Verhalten des normalen, an Körper und Geist gesunden Gummibärchens widerspiegeln, wird kontrovers diskutiert (Aribo, 1996; Nestlé, 1997). Daß diese Kontroverse viel zu oft in Polemik abgleitet ("außen fruchtig - innen abgeschmackt"), mag u.a. darauf zurückzuführen sein, daß bislang keine einzige sexuelle Bärchenphantasie publiziert wurde - und zwar aus den verschiedensten Gründen: Zum einen stehen wir vor dem Problem, daß schlüpfrige Texte nur selten an der Tüteninnenwand haften bleiben (ein Akt sexueller Repression von Seiten papsttreuer Tütenproduzenten?). Zum anderen gibt es Hinweise, daß "erotographomanisch veranlagte Bärchen überzufällig oft an Legasthenie leiden, so daß sie - fortwährendem Gruppendruck zur Orthographie ausgesetzt - letztlich aufgrund sekundärer Neurasthenie verstummen" (Fromm, 1993).
"Ich habe mich einfach mit ihnen unterhalten" skizziert Friday (1997) ihren revolutionären Forschungsansatz. Nach jahrelanger Feldarbeit in Süßwarenhandlungen, Kinderzimmern, Küchenschubladen und Vorratskellern legt Friday (1997) nun eine umfassende Sammlung sexueller Bärchenphantasien vor. Die Autorin erschließt uns nicht nur die sexuelle Phantasiewelt des Gummibärchens in all ihren - zuweilen auch erschreckenden - Dimensionen, sondern liefert zudem eine Reihe plausibler Erklärungen für die bärige Phantasieproduktion. Die wichtigsten Befunde seien im folgenden kurz referiert.
Ein immer wiederkehrendes Motiv sexueller Bärchenphantasien ist die orale Vereinigung mit dem großen Tütenkleber. Die für Bären typische, erstaunlich enge Verknüpfung zwischen Sexualität und Spiritualität gab der menschlichen Gummibärchen-Forschung lange Zeit Rätsel auf. So deutete Gerdes (1996) das für Gummibärenträume typische, eindeutig auf den Tütenkleber gerichtete libidinöse Aufwärtsstreben profan als "schwereloses Schweben im All", während Ratzinger (1990) das orale Bärgehren zur "Vereinigung im Beten" verkürzt. Die Frage, ob Baudrillards (1990) Diktum vom "fatalen Stimulakrum" auf den großen Tütenkleber gemünzt ist oder auf das männliche Genitale des Gummibärchens anspielt, kann hier nicht abschließend geklärt werden.
Die Zeiten, in denen galt: "Eine Tüte - eine Orgie" sind längst vorbei. Aber man träumt halt noch davon.
Es läßt sich nicht ignorieren, daß die Gruppe der Lakritzophilen unter den Gummibärchen in erschreckendem Tempo wächst (Focus, 1996). Interessanterweise konzentriert sich das Verlangen des lakritzophilen Gummibärchens auf die Spezies der Lakritzschnecken (Katjes, 1997). Lakritzkatzen, Lakritzpfötchen, Lakritzstäbchen, Lakritzkonfekt und Lakritzpastillen werden kaum beachtet, manchmal sogar aktiv gemieden (Reaktions-Bildung). Vieles deutet darauf hin, daß traumatische Kindheitserlebnisse (speziell: Aufwachsen in einer Tüte "Color-Rado" von Haribo) dazu führen, daß Gummibärchen sexuell verwahrlosen und sich schließlich den (meist wesentlich älteren) Lakritzschnecken zuwenden, denen die Zärtlichkeiten der Gummibärchen gerade recht kommen. Während einige Lakritzophile von trantrischem Sex träumen, scheint es bei anderen eher um den Wunsch nach enger Umschlingung zu gehen (ganz offensichtlich Folge früherer Vernachlässigung). Obwohl Lakritzophile meist betont höflich und freundlich auftreten, stellen sie eine nicht unbeträchtliche Gefahr für die Gesellschaft dar. Wie die jüngsten Fälle ausgerollter und grausam verknoteter Lakritzschnecken belegen, sind lakritzophile Bärchen beim Bondage sehr ungeschickt.
Warum ausgerechnet Experimentalpsychologen in den sexuellen Bärchenphantasien einen so großen Raum einnehmen, ist und bleibt rätselhaft. Die forschererfahrenen Bärchen selbst können ihre Obsession nicht so recht plausibel machen. Die meisten (in schwärmerischem Ton vorgebrachten) Begründungen deuten darauf hin, daß Gummibärchen sehr leicht zu beeindrucken sind: "er hat mir aus der Tüte geholfen" - "er hat mir meine Tüte gelassen" - "er war wie eine Tüte zu mir".
Wieviele Gummibärchen wirklich von Alufolie erregt werden, ist unbekannt. Schamgefühle hindern die meisten Bärchen daran, diese ungewöhnliche Neigung zuzugeben. Es muß nicht noch einmal betont werden, daß hier von Phantasien - und nur von Phantasien - die Rede ist. Schließlich verbieten es sowohl das gesunde Moralempfinden als auch der Umweltschutz, den Alufolien-Fetischismus zu praktizieren. Die folgende Fallbeschreibung stammt von Storck (1994), der seit Jahren perverse Gummibärchen psychotherapeutisch behandelt:
Der dreimonatige, gepflegt wirkende Gummibär kam auf eigenen Wunsch in meine Praxis. Er sah übermüdet aus, war blaß bis zur Farblosigkeit. Seine Aktentasche ließ er achtlos auf den Boden fallen, kraftlos sank er im Stuhl zusammen. Als leiblicher Sohn einer Bärengroßfamilie hatte er jahrelang unter Überbehütung und Unterforderung gleichzeitig zu leiden. Hinzu kam ein chronischer Fruchtigkeitsverlust, manifestes Symptom latenter Versagensängste. Mit keinem Wort sprach er seinen Alufolien-Fetischismus an.
Einige Gummibärchen gestanden ein, beim Masturbieren an Zähne (manchmal sogar: Zahnprothesen) zu denken. Andere ergötzen sich am Bild essender Menschen und stellen sich vor, selbst verspeist zu werden. Auch das Spiel mit dem Feuer ist Gummibärchen nicht fremd. Immer wieder trifft man in den Phantasie-Szenarien der Bärchen auf funktionsbereite Toaster, Mikrowellen und Backöfen, die nur darauf warten, einem lüsternen Gummibärchen ordentlich einzuheizen. Daß solche Spiele tödlich enden können - daran scheinen die Gummibärchen nicht zu denken. Fassungslos müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß immer mehr Gummibärchen öffentlich bekennen "Ich finde M. Kelani sexy". Da haben wir den Salat. Jetzt lacht niemand mehr über Nolte (1997), die schon vor Wochen mit Nachdruck ein kelanifreies Internet forderte (s. zur Information Kelani, 1996 ).
Warum bloß können sich Bärchen nicht einfach auf friedlich-fruchtige Phantasien beschränken? Aber da sind wir auch schon bei den Gründen der Phantasien.
Gummibärchen werden ungern darauf angesprochen, aber es stimmt: Aufgrund ihres eingeschränkten Kommunikations- und Ausdrucksverhaltens (Jusko, 1996 ) - gekoppelt mit gewissen anatomischen Handicaps - können sich Bärchen im Grunde nur in einer Stellung paaren. Dennoch lesen fast alle das Gummisutram des Vatsyayana. Das kann nicht gutgehen.
Da Gummibärchen schon in anderen Zusammenhängen durch Angeberei unangenehm aufgefallen sind ("ich bin das schnellste Gummibärchen der Welt", Schumacher, 1995), ist ihnen zuzutrauen, daß sie die wohlmeinende Wissenschaftswelt auch über Quantität und Qualität ihrer sexuellen Phantasien an der Nase herumführen. Die vielen Stereotype und Versatzstücke, mit denen uns die Gummibärchen abspeisen ("er war süß", "sie klebte an mir"), lassen vermuten, daß hier teilweise wohl nur drittklassige Videos wiedergegeben werden.
In der Literatur wird ausführlich vom "Spontanschwund bei Gummibären" berichtet (z.B. Schüttauf, 1997). Während der Experimentalpsychologie durch dieses Phänomen reihenweise wertvolle Studienobjekten entzogen werden, wirkt sich der Spontanschwund auf die zurückgelassenen Bärchen noch viel verheerender aus: Sie verlieren rund 40-60% ihrer realen Sexualpartner (dabei sind die potentiellen noch gar nicht mitgerechnet). Niemand wird es einem vereinsamten Bärchen übelnehmen, in Phantasien Zuflucht zu suchen - solange es nicht heimlich seinen Narzißmus befriedigt.
Allein der Gedanke daran würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.
Trotz zahlreicher Proteste von Animal Peace werden Gummibärchen auch weiterhin durch stundenlange Lastwagen-Transporte gequält. Das Ruckeln des Fahrzeugs versetzt dabei die elastischen Bärchenkörper in nicht enden wollende Vibrationen. Pragmatische Bärchen sind in der Lage, sich durch sexuelle Phantasien von ihrer Reisekrankheit abzulenken, den anderen wird übel. Wer "Angst vorm Lastwagenfahren" (Jong, 1995) gelesen hat, weiß Bescheid.
Ohne die Verdienste von Friday (1997) schmälern zu wollen, muß man leider konstatieren: Ihre Taxonomie ist invalide. Vermutlich hat die Autorin nach dem Prinzip der Methodeninversion blindlings Clusteranalysen (wenn nicht sogar: Faktorenanalysen) eingesetzt und auf diese Weise eine "Lösung" mit sechs Phantasie-Kategorien erzeugt. Jede gegenstandsangemessene Bärchenforschung dagegen geht ganz von selbst vom phänomenologischen Fünfer-Prinzip aus und kehrt zu ihm zurück (Miller, 1996). Hier zeigt sich aufs Neue, wie stark die Bärchenforschung im szientistischen (Un)Verständnis verfangen ist und deshalb an allen Ecken und Enden in die Sackgasse läuft.
Während quantitativ orientierte Bärchenforscher nach wie vor vergeblich versuchen, die sechste (überzählige) Phantasie-Kategorie zu identifizieren, um sie anschließend mithilfe moderner Datenvernichtungsmethoden zu eliminieren, scheint die Antwort nun aus ganz anderer Richtung zu kommen. Schwärzer (1997) legt den Finger in die Wunde, wenn sie schreibt:
Lange konnten sie [die Gummibärchenforscher, d.V.] es uns als "Forschungsethik" verkaufen, "daß die überwiegende Zahl der Studien von tiefem Respekt gegenüber der physischen und psychischen Integrität der elastischen Studienobjekte gekennzeichnet ist" (Musch, 1997). Was wirklich dahintersteckt, ist nun klar: Männliche Experimentalpsychologen versuchen, sich bei den unbedarften (manchmal zugegebenerweise etwas abenteuerlustigen) Gummibärchen einzuschmeicheln. Sie bieten sich ihnen geradezu als Sexobjekte an. Oder wie soll man es deuten, wenn Gummibärchen nach kognitionspsychologischen Untersuchungen sagen: "Ich glaube, er hat sich wirklich für mich interessiert".
So scheint es, daß das Problem der sechsten Phantasie-Kategorie weder ein methodisches, noch ein theoretisches ist, sondern schlicht eine Frage des richtigen Benehmens. Das sollten wir uns alle hinter die Ohren schreiben.
Baudrillard, J. (1990). La Transparence Du Mal: Essais Sur Les Phenomenes Extremes. Paris: Editions Galilee.
Bröder, A. (1997). Meilensteine der Gummidichtung. Abriß der Bärchenliteraturgeschichte. Bonn: Holos.
Dickmann, D. (1996a). Die Gummi-Bärchen und das Lust-Prinzip. Bonner Gummibären-Berichte, 6 (3), 1-6.
Dickmann, D. (1996b). Gummi-Bärchen und Lust-Prinzip. Berner Beiträge zur Bärologie, 2 (1), 1-5.
Dickmann, D. (1996c). Die Bärchen und die Lust. Berliner Bären-Aufsätze, 7 (2), 25-29.
Dickmann, D. (1996d). Bärchen und Lust. Siegener Hefte der Bärosexologie, 4 (4), 18-23.
Dickmann, D. (1996e). Bärchen-(Un)Lust? Hamburger Thesen zur Bärenpsychologie, 3 (1), 35-40.
Dickmann, D. (1996f). Bärchen-Lust. Singener Schriften zur Sexualwissenschaft, 11 (4), 43-49.
Duras, M. (1986). Der Liebhabär (Roman). Frankfurt am Main: Suhrkamp. (Erstdruck 1984)
Focus (1996). Lakritzophilie - Volksseuche oder Vorbote der Apokalyse? Focus (23.4.1996), 4-4.
Friday, N. (1997). Die sexuellen Phantasien der Gummibärchen. Reinbek bei Hamburg: Rowohl.
Fromm, E. (1993). Wege aus einer kranken Gesellschaft: eine sozialpsychologische Untersuchung (2. Aufl.). München: dtv. (Erstdruck 1964)
Gerdes, H. (1996). Gummibärenträume. Bonn: Holos.
Jong, E. (1995). Angst vorm Lastwagenfahren (Roman). Frankfurt am Main: Fischer (Erstdruck 1973)
Jusko, O. (1996). Kommunikation und Ausdrucksverhalten von Gummibären. Pantomime & Gestik, 14, 23-56.
Katjes, A. (1997). Zur Psychologie der Lakritzschnecke. Göttingen: Hogrefe.
Kelani, M. (1996). Let's watch the gummiez die! [WWW-Dokument] URL: http://www.kelani.com/gummi/torture.html
Lloyd, T. (1996). Populationsentwicklung und Vermehrungsbiologie bei Gummibären. Bonn: Holos.
Merian, S. (1980). Der Tod des Gummiprinzen (Roman). Hamburg: Rowohl.
Miller, G. (1986). The magical number five, plus or minus two. Psychological Review, 45, 344-350.
Musch, J. (1997). Die ersten zwanzig Jahre: Eine selektive Zusammenfassung ausgewählter Befunde der Gummibärchenforschung. Bonn: Holos.
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Ratzinger, K. (1990). Glaube und Bekenntnis beim Gummibärchen. Osservatore Romano, 3, April, 3-4.
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Schwärzer, B. (1997). Bärchenforschung als Instrument der Macht. Hamburg: Emma-Verlag.
Storck, M. (1994). Gewalt und Perversion bei Bären und Schokoladenriesen: Chancen und Grenzen der Therapie (2. Aufl.). Göttingen: Hogrefe.
Traxler, H. (1992). Aus dem Leben der Gummibärchen. Zürich: Diogenes.
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Zeemann, D. (1989). Eine Liebhabärin (Roman). Frankfurt am Main: Eichborn.