Arndt Bröder
Mich mußt Du kauen
Sehr langsam und genüßlich.
Schon wird dir übel.
(Hajari - Bo, japanischer Bären-Haiku-Dichter)
Allgemeine Vorbemerkungen
Im kulturellen Leben der Gummibärchen nahm die Literatur immer schon eine herausragende Stellung ein. Zwar wurden auch auf musikalischem Gebiet und in den bildenden Künsten zeitweise Höchstleistungen vollbracht (Zu erwähnen ist z.B die zeitlose Komposition "Sinfonie verzückter Kaugeräusche" neben der postmodernistischen Installation "Meine bunten Freunde auf der Herdplatte"). Doch die Leistungen auf dem Gebiet der Literatur gehören zu den wichtigsten Errungenschaften des bärigen Kulturwesens. Dabei reicht die Meisterschaft über alle Genres hinweg, vom investigativen Journalismus bis zum zwölfbändigen Epos "Kauzeit ohne Wiederkehr" des expressionistischen Exzentrikers Marcel Pruust. Die Forschung auf dem Gebiet der Gummidichtung wird durch den Umstand erschwert, daß zahlreiche Gummibärchentüten achtlos dem Hausmüll übergeben werden, ohne daß der/die Normalverbraucher(in) mögliche literarische Werke in deren Innenleben überhaupt bemerkt. Schließlich sind die Tüteninnenflächen die einzige Möglichkeit der Bärchen, ihre Gedanken während der langen Lagerzeiten im Supermarktregal niederzuschreiben. Jeder Versuch, eine umfassende Literaturgeschichte der Bärchenkultur zu schreiben, muß daher unvollkommen bleiben. Wir wissen nicht, wieviele Meisterwerke durch moderne Müllverwertung dem Vergessen anheimgegeben wurden und noch werden. Der Verlust ist kaum zu ermessen.
Die Anfänge. Frühes Mittelalter.
Frühe Funde deuten auf ein reges Schriftstellertum im Mittelalter hin. Die meisten dieser Funde liegen jedoch nur als fragmentarische Textstellen auf mittelhochbärisch vor. Kaum ein Gedicht oder religiöses Lied ist vollständig erhalten. Das Themenspektrum der Werke aus dieser Zeit kreist um Religion (Verehrung des "Großen Tütenklebers"), Sex und die Verhöhnung anderer Süßigkeiten. Der letztgenannte Umstand deutet auf das erwachende Selbstbewußtsein des Bärchenwesens hin. Der bekannteste Vertreter diese Zeit ist Walter aus der Vogeltüte, dessen Minnegesänge ("... und knabb're ich an deinem Fuße ...") noch heute zu den ergreifendsten Werken der Gummidichtung gehören.
Spätes Mittelalter
Lyrik und Poesie traten offenbar in den Hintergrund und machten Platz für vermehrt philosophische Werke in scholastischer Tradition. Durch mehrere Jahrhunderte zieht sich eine erbitterte Diskussion über die ketzerische Vorstellung Jakob Wildkirschs, der Große Tütenkleber könne möglicherweise durch eine Maschine ersetzt werden (Deus ex machina). Obwohl Wildkirsch vom Bärschof zum "letztendlich gerechten Tod durch langsames Kauen" verurteilt wurde, lebten seine Ideen im Gelehrtenstreit weiter, der später zur Keimzelle einer umfassenden Bäreformation wurde und die geistesgeschichtliche Epoche der Aufbärung einleiten sollte (s. Robärt Knolz: "Fülle und Entbärung. Klerus und Philosophen in den Tüten.", Merheim, 1964).
Bärock
Keine Literaturepoche ist in so sehr mit einem einzigen Namen verbunden wie die Zeit des Bärock: Hugo Bärwald von Bärenwaldau. Unzählige Gedichtsammlungen und ein grimmiges Räuberepos reflektieren in blumiger Sprache mit demütigen Unterton die Vergänglichkeit des Bärenlebens (memento mori!) und mahnen zur Demut gegenüber Obrigkeit und Tütenkleber.
Klassik
Mit dem berühmten "Götz von Bärlichingen" markiert der unermüdliche Johannis-Bär v. Grütze den Übergang vom Sturm und Drang zur Klassik. Die Bärenklassik wirft erneut die tiefen existentiellen Fragen der Bärheit auf und führt sie vor der aufgehenden Sonne der Aufbärung einer formvollendeten Synthese zu, in welcher der strebenden Entwicklung des Individuums absolute Priorität eingeräumt wird ("Es irrt der Bär, solang er strebt."). Vorsichtig wird auch von anderen Vertretern der Epoche Entfaltungsfreiheit gefordert ("Geben Sie Glukosefreiheit, Sirup!"), womit erstmals eine politische Forderung in die Gummidichtung eindringt, die die Aufteilung des Gummireichs in viele absolutistisch regierte Kleintüten anprangert.
Romantik
Ein Äquivalent zur Epoche der Romantik fehlt in der Bärchenliteratur, da die eher pragmatischen Bärchen sich nicht so gut mit tiefen Seelenregungen und Mystik auskennen.
Neuzeit
Seit Beginn dieses Jahrhunderts unterliegt auch die Bärchenliteratur einer Diversifizierung in ein Panoptikum unterschiedlicher Stilrichtungen, die durch eine wachsende Unzufriedenheit mit den traditionellen Ausdrucksmitteln der Sprache sowie eine immer absurder werdende Welt ("atomares Zeitalter") hervorgerufen wurde. Es ist unmöglich, in diesem kurzen Kapitel alle Entwicklungen aufzuzählen, es seien nur folgende exemplarisch genannt: "Haribo" (Diese sinnlose Silbenfolge meint eine Literaturform, die unserem Dadaismus entspricht), Expressionismus (z.B. "Bärlin Alexanderplatz"), Neo-Realismus der Nachkriegszeit ("Draußen vor der Tüte"), satirische Groteske ("Die Blechtatze", "Der Besuch der alten Bärin") und viele andere. Auch ausländische Autoren werden hierzulande von anderen Bären inzwischen stärker rezipiert ("Der alte Mann und das Bär"). Für eine ausführliche Darstellung sei auf Marcel Weich-Wanitzkis Überblickswerk "Die Wucht in Tüten. Der Bärenroman der Neuzeit" (Würgassen: Wundersam, 1994) verwiesen.
Abschließende Bemerkungen
Das Anliegen des Autors bestand darin, der geneigten Leserin und dem geneigten Leser die Tür zur weithin unbekannten Vielfalt bäriger Gummidichtung zu öffnen und ihn oder sie dafür zu begeistern. Oft schlummern Talente und Schätze in den Behausungen unserer weichen bunten Freunde, von denen wir "großen" nichts ahnen. Vielleicht konnte der Autor auch Sie, liebe Leserin oder lieber Leser, dafür gewinnen, Gummibärentüten nicht mehr achtlos wegzuwerfen, sondern vorher auf den möglichen Gehalt anspruchsvoller Literatur zu untersuchen. Möglicherweise werden sie genauso für Ihre Umsicht belohnt wie der Verfasser, dem an einem Sommerabend in Tokio folgender nachdenkliche, in seiner philosophischen Tiefe unübertroffene Haiku eines unbekannten Gummibärchendichters zugeweht wurde:
Ich mag die gelben
Die roten sind böse nur
Wer liebt die grünen?